das Buch Leseprobe: Rundmail 1 Sternzeichen Krebs
Ihr lieben Verwandten, Freunde und Arbeitskollegen, ich sende euch heute einen Rundbrief, damit ihr den Stand der Dinge von mir persönlich erfahrt, euch auf kein Hören-Sagen verlassen müsst und Harald, der beste aller Ehemänner, in seinem permanenten Telefondienst etwas entlastet wird.
Seit einer Woche bin ich nicht nur Sternzeichen Krebs sondern hab auch welchen. Alles fing an mit einem vermeintlichen intergalaktischen Furz. Der machte mich von innen her immer kurzatmiger und sorgte dafür, dass ich erst in der Notaufnahme und dann auf der Intensivstation eines Krankenhauses gelandet bin. Dort brach eine krankenhaustechnische Woge über mich her. Der "Furz" stellte sich als Bauchflüssigkeit heraus, die gegen das Zwerchfell drückte. Ich wurde punktiert und bei der Untersuchung der Flüssigkeit wurden Krebszellen gefunden. Vorher schon hatte sich durch ein CT ein hochgradiger Verdacht auf einen Tumor an den Eierstöcken und einen Befall des Bauchfells ergeben. Mir wurde ein Bauchschlauch gelegt, damit das Wasser ablaufen kann und dann hatte ich eine wunderbare drei Tage dauernde Migräne mit viel Erbrechen. (Nein, die Magensonde wird nie mein bester Freund!!!) Währenddessen war ich schwach wie ein junges Kätzchen, seither ist mein Zustand aber stabil. Manchmal komme ich mir vor wie ein Fass. Oben läuft's rein (nur ausgesucht gute und äußerst teure Sachen als Infusionen natürlich) und nach Bedarf wird unten das Kränchen aufgedreht und das Hochwasser abgelassen.
Vor 2 Tagen wurde ich in ein anderes Krankenhaus des gleichen Verbundes verlegt. Hier hatte ich mit dem Liebsten zusammen ein langes und gutes Gespräch mit dem operierenden Gynäkologen. Ich fühle mich in der Klinik sehr gut aufgehoben und menschlich bestens betreut. Deshalb begebe ich mich vertrauensvoll in die Hände meines zukünftigen Körpergestalters Dr. Alkar. Wenn er die OP gut macht und alles klappt, gründe ich den 1. FC (Fanclub) Alkar, dem ihr gerne beitreten könnt. Sein Plan ist der Bauchschnitt, Entfernung der Eierstöcke mit anschließender Schnelldiagnose und die entscheidet, wie es weitergeht. Es wird eine Radikaloperation geben und grundsätzlich scheint es im Bauchraum ziemlich viel Zeugs zu geben, das eigentlich überflüssig ist und die Lebensqualität, wenn's fehlt, nicht wirklich einschränkt. Je nachdem, wo Metastasen sitzen, werden die entfernt. Leider droht erneut die Magensonde! Sollte alles gut laufen, bin ich nach 3 Wochen wieder einigermaßen auf dem Damm. Wenn ich eine Chemo brauche, wird sie direkt angeschlossen, eventuell gibt es Hormontherapie. Das ist ein strammer Plan. Aber wie der Doktor sagte: Diese Maßnahmen dienen nicht der Lebensverlängerung sondern eindeutig der Heilung. Er sieht dafür echte Chancen und ich meistens auch.
Ansonsten bin ich ganz guten Mutes und hab weder meine Vorliebe für bissige Bemerkungen noch meinen Humor verloren. Ihr dürft mir gerne alle schreiben. Aber erwartet nicht, dass ich allen immer antworte. Je häufiger ich über meinen Zustand reden muss, umso langweiliger wird es mir, umso mehr hängt es mir zum Hals raus (auch wenn das besser ist als die Magensonde!) und umso dümmer werde ich, weil die Gedanken nur noch um ein Thema kreisen. Deshalb wird es Sprachrohre geben für die Arbeitskollegen und für die Kölner Fraktion. Harald ist auch weiterhin bereit, die ein oder andere Frage zu beantworten.
Jetzt lasst euch alle von mir drücken und freut euch mit mir darüber, dass ich vor Verlegung von dem einem ins andere Krankenhaus ein "Empfängnisbekenntnis" unterzeichnen musste. Es ist ein sehr katholisches Krankenhaus, und ich habe gerätselt, aber ich glaube mittlerweile, dass es überall anders schlicht "Empfangsbestätigung" heißen würde.
In diesem Sinne grüße ich euch
B.


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